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Emmi Pikler mit ihrem Sohn

Emmi Pikler

Einige Worte zum Erlernen der Sprache
aus: Friedliche Babys - zufriedene Mütter, S.82

Von der Sprachentwicklung rede ich hier deshalb gesondert, weil sie nicht parallel mit der geistigen Entwicklung des Kindes vor sich geht. Es gibt Kinder, die früh, schon im Alter von 1-1,5 Jahren sprechen, andere beginnen erst im Alter von 2,5-3 Jahren. Dies ist beinahe unabhängig davon, wie sie auf anderen Gebieten sich entwickeln. Die Sprachfertigkeit ist eine individuelle Fähigkeit und steht nicht unbedingt im Zusammenhang mit der „Verständigkeit“ des Kindes.
Verhältnismäßig früh, im Alter von 6-8 Wochen, beginnt der Säugling zu lallen. Meistens beginnt er mit „gö-gö“. Er probiert das tagelang. Nachher, ganz als würde er systematisch Phonetik lernen, versucht er die Lautbildung an verschiedenen Punkten des Mundes der Reihe nach. Er versucht Kehl-, Zungen-, Lippenlaute, er wiederholt sie. Er bildet fortwährend neue Laute. Täglich unterhält er sich damit stundenlang. Er ordnet die schon bekannten Laute einander zu, wie kostbare Perlen.
Später redet er fast ständig, manchmal leise, manchmal lauter. Das Spielen begleitet er mit „Gespräch“, Lallen, Babbeln. Schon wiederholt er nicht nur einzelne Laute, sondern er sagt ganze Silben („Da-da“, „ba-ga“, gö-ga-la“) etwa. Er spricht zu Farben, zu Gegenständen, zu seiner Hand. Gelingt etwas gut, dann jauchzt er dazwischen laut oder lacht auf.
Wie er die Laute zu „Worten“ zusammensetzt, so verbindet er später diese „Worte“ zu ganzen „Sätzen“ – manchmal sagt er ganze „Monologe“ vor sich in seiner unverständlichen und sinnlosen „Babbelsprache“. Interessanterweise enthält diese Babbelsprache schon viele Eigenschaften der in der Umgebung des Kindes gesprochenen Sprache. Es ist aber in Wirklichkeit noch keine Sprache, noch kein Ausdruck von Gedanken. Das Kind bemüht sich nur, den Klang, die Betonung, die Melodie der Sprache der Erwachsenen nachzuahmen. Die Nachahmung gelingt manchmal erstaunlich – ist manchmal ganz irreführend. Lauschen wir diesen Monologen von dem benachbarten Zimmer durch geschlossene Türen, haben wir oft den Eindruck, dass das Kind ganz vernünftig, fließend redet, mit konversierender, plaudernder oder erklärender Betonung, wie es das bei den Erwachsenen beobachtet hat.
Das Kind versteht aber viel von der Rede der Erwachsenen schon in der Zeit, in der es vorerst nur den Klang der Sprache nachahmt. Es schaut auf dem Tisch, wenn Erwachsene davon reden. Es sucht sein Essen, wenn sie es erwähnen; versteht Verbote. Zwar benimmt es sich oft – wenn es zu etwas keine Lust hat -, als würde es nicht verstehen, was wir ihm sagen. Nach sehr kurzer Zeit probiert es selbst sinnvolle Worte zu formen, versucht selbst die bekannten Personen, Gegenstände, Handlungen mit Worten zu bezeichnen. Anfangs ist das schon schwer, und es bezeichnet das Wort eventuell nur mit je einer Silbe, einem Anfangston: „ma“, „pa“, wenn es Mama oder Papa anredet, „e“ wenn es sein Essen erblickt und sich zum Essen vorbereitet, „n“, „n“, „n“ wiederholt es und dreht seinen Kopf weg für „nein“, wenn es zu etwas keine Lust hat. Dabei bereichert sich auch die Babbelsprache mit den Worten, die es schon aussprechen kann. Es spielt auch mit diesen, es wiederholt sie, freut sich, wenn es ihm gelingt, sie auszusprechen.
Das Sprechenlernen geht natürlich nicht bei jedem Kind mit gleicher Leichtigkeit vor sich. Manche formen Worte leicht – leicht und früh fangen sie an zu sprechen -, und es gibt ebenso kluge oder noch klügere Kinder, die dazu weniger veranlagt sind und später zu sprechen anfangen, bei denen die Babbelsprachperiode länger dauert (sie machen sich längere Zeit hindurch mit Zeigen verständlich).
Es hängt nicht nur von der Begabung, von der Fertigkeit ab, wann das Kind zu sprechen beginnt. Das Kind lernt das Sprechen von uns. Um die Sprache zu verstehen, um mit Sprechen zu beginnen, muss es die Erwachsenen sprechen hören. Daran fehlt es im Allgemeinen nicht… Aber es genügt nicht, das Sprechen bloß zu hören, bloß vor ihm miteinander zu sprechen. Wir müssen auch mit ihm sprechen, damit es auf den Sinn der Sprache aufmerksam wird. Sprechen wir mit dem Kind von Geburt an, erzählen wir ihm etwas, anstatt nur zu babbeln und liebkosende Worte zu sagen… Von Geburt an sagen wir dem Säugling, was wir mit ihm tun, was wir von ihm erwarten, was jetzt folgen wird, als würden wir laut denken. Immer wenn wir mit ihm sind, ihn aufnehmen, baden, zum Stillen vorbereiten oder ins Freie bringen usw., fordern wir ihn auf, was wir von ihm erwarten. Zwar versteht er anfangs von alldem gar nichts, doch achtet er von Anfang an mit Freude auf uns, wenn wir mit ihm sprechen. Er beobachtet unsere Laute, unsere Mundbewegungen. Später, wenn er immer wieder dieselben Laute, dasselbe Wort im Zusammenhang mit demselben Gegenstand, mit derselben Bewegung oder mit demselben Geschehen zusammen hört, verbindet er das, was er sieht und erfährt, mit dem, was er dabei hört… er beginnt zu verstehen, was wir sagen. Dieser Weg führt zum Sprechen lernen.
Doch damit der Säugling sich bemüht, Worte selbst zu formen, ist noch etwas notwendig: Es muss der Mitteilungswunsch dazukommen. Je besser die Beziehung des Säuglings zu seiner Umgebung ist, je früher seine Mutter, sein Vater auf seine Laute reagieren, seine primitiven Worte verstehen, je öfter er erfährt, dass man seinen – wenn auch nur mit Anfangssilben angezeigten – Wünschen Beachtung schenkt (er erhält die Lisl-Puppe, die er mit der Silbe „Li“ bezeichnet: man unterlässt eine Handlung, wenn er mit Silbe „ne“ [nein] protestiert usw., natürlich nur innerhalb der Grenzen der Ordnung und der Möglichkeiten), desto mehr Lust wird er zum Sprechen haben, desto amüsanter, interessanter, aufregender wird für ihn das Sprechen sein.
Das Kind lernt von uns sprechen. Wir müssen also aufpassen, was für Worte, mit welcher Betonung, auf welche Art wir mit ihm sprechen. Von Anfang an lispeln wir nicht, sprechen wir nicht mit schlechter Artikulation oder sinnlos mit dem Säugling. Damit erschweren wir ihm das Sprechen lernen. Doch sprechen wir auch nicht stark artikuliert, übertrieben langsam. Sprechen wir mit dem Säugling verständlich, einfach, fließend und ruhig – auch schon mit dem Neugeborenen; freundlich und immer grammatisch richtig. Geradeso, wie wir mit jedem verständigen Erwachsenen zu sprechen gewohnt sind. Also nicht so: „Paulchen geht panschi-panschi“, sondern: „Komm Paulchen, wir gehen baden!“ Nicht so: „Das Baby bekommt Milch“, sondern: „Warte Julchen, gleich bekommst du deine Milch“.
Sollten wir die Empfindung haben, dass das Kind noch nicht alles, was wir reden, oder vielleicht gar nichts davon versteht, benehmen wir uns auch dann nicht, als wären wir stumm. Glauben wir daran, dass der Säugling uns versteht, wenn wir fließend, einfach mit ihm sprechen. Wenn wir uns dementsprechend verhalten, wird aus dieser Vorstellung früher oder später Wirklichkeit: Das Kind wird die ruhige, normale Rede wirklich verstehen. Zwar können wir auch gerade das Gegenteil glauben, nämlich, dass man mit dem Säugling nur mit lispelndem, singendem Tonfall „sich unterhalten“ kann. Glauben wir dies lange genug und benehmen wir uns dementsprechend, übernimmt das Kind diese Sprache, und auch aus diesem Glauben wird Wirklichkeit. Richten wir uns also nicht um jeden Preis nach dem Kind, reden wir nicht „kindisch“, nicht wir lernen vom Kind sprechen, sondern das Kind lernt von uns.
Wir dürfen zwar die Sprechfehler des Kindes nicht nachahmen, doch auch nicht verbessern. Wir dürfen es mit unausgesetztem Wiederholen nicht darauf aufmerksam machen, was es eben sagte, wie es etwas sagte. Das ist völlig überflüssig. Versuchen wir nicht, das Sprechen lernen zu beschleunigen. Achten wir immer nur darauf, es möglichst gut zu verstehen und dass wir selbst immer fließend, verständig, ruhig und richtig reden. Dem widerspricht natürlich nicht, freundlich und ungezwungen zu sein. Das Kleinkind lernt und übernimmt unsere Redeweise früher oder später sicherlich. Mit ständigem Drängen, Verbessern, Wiederholen lassen, mit Warnungen und Lehrer belästigen wir das Kind nur und erreichen dasselbe, wie mit jeder Art von Drängen und Ungeduld: Statt des langsamen, stufenweisen, geduldigen, dem Kleinkind genussreichen Sprechenlernens stellen wir es vor eine ermüdende, schwere Aufgabe.