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Bernard Martino mit (von links) Anna Tardos, Judit Falk und Maria Vincze, Budapest 2000

Bernard Martino

Fragen an Bernard Martino

Ein Interview mit Bernard Martino über seinen Film, "Lóczy, wo kleine Menschen groß werden - Der Traum Emmi Piklers"

Wie sind sie auf den Gedanken gekommen, diesen Film zu drehen?

Es begann mit meinem Film "Der Säugling ist eine Person", den ich 1983 gedreht habe. Ich suchte einen Ort in Osteuropa, wo die Tatsache, dass der Säugling eine eigenständige Persönlichkeit ist, berücksichtigt wurde und konkret zu erfahren war. Ich wollte nicht ausschließlich in den Vereinigten Staaten drehen.

Ich hörte vom Lóczy und las das Buch "Lóczy - mütterliche Betreuung ohne Mutter" von Geneviève Appell und Myriam David. Ich fuhr dorthin und stellte fest, dass "der Säugling ist eine Person" im Lóczy kein bloßer Slogan ist, sondern Wirklichkeit. Dort herrscht eine Einstellung der ständigen Wachsamkeit: was sind wir gegenüber einem Kind zu tun berechtigt und was nicht?

Später erfuhr ich, dass das Lóczy aufgelöst werden sollte. Die Schließung wäre eine Katastrophe. Es wäre, als würde man so etwas wie die Bibliothek von Alexandria über die Kindheit schließen. 50 Jahre Reflexion. Ein fast wissenschaftlich ausgearbeiteter Beziehungskodex. Ich wollte einen Film machen, der von diesem Ort der Forschung und der tiefen Menschlichkeit zeugt.

Sie haben schon Erfahrung mit Filmen über Säuglinge und Kinder. Was fasziniert Sie so an der Welt der Kinder?

Mein Interesse an dieser Welt hat offensichtlich etwas Neurotisches. Ich habe im Alter von drei Jahren meine Mutter verloren. Wenn ich von Säuglingen erzähle, kehre ich in jene Zeit zurück, als meine Mutter noch da war, und im weiteren Sinne, wenn ich einen Film über die Kindheit drehe, schreibe ich meine Kindheit neu, deute sie neu und setze das in Szene. Ich habe aber das Gefühl, dass es jetzt an der Zeit ist, damit aufzuhören und mich für die Welt der Erwachsenen zu interessieren. Das hat mir dieser Film klar gemacht.

Worin besteht für Sie das Einzigartige des Lóczy?

Das ist einer der seltenen Orte, an denen Kindern geholfen wird, sich selbst aufzubauen. Das Einzigartige ist diese Kultur, die bewirkt, dass eine Pflegerin des Lóczy nach einem oder zwei Jahren Erfahrung kompetenter ist als eine, die zehn oder fünfzehn Jahre woanders gearbeitet hat. Judit Falk, die frühere Direktorin des Lóczy, sagte: "Wenn wir eine Frage nicht beantworten können, antworten uns die Wände"

In anderen Einrichtungen für Kinder ist das Büro des Direktors oft riesig. Das Badezimmer der Kinder aber sehr klein. Im Lóczy ist das umgekehrt. Das Zimmer der Direktorin ist ein winziges Loch. Für mich ist das ein Zeichen, das nicht trügt.

Können Sie uns etwas über den Stil des Filmes sagen?

Ich wollte keinen Film machen, um mich darzustellen. Es ist kein Film, der irgendeine visuelle Virtuosität anstrebt. Ich würde eher das Gegenteil behaupten. Was mich interessierte war, den einfachen, fast banalen Momenten Aufmerksamkeit zu schenken: ein Baby in der Badewanne, ein Junge, der den Flur entlang geht... Anhalten bei diesen Nichtigkeiten, die der Erwachsene nicht wahrnimmt.

Worin besteht für Sie die Bedeutung eines solchen Films?

Ich meine, die Frage der Achtung, die man einem Kind schuldet, ist von grundlegender Bedeutung. Ein Säugling, dem man mit Achtung entgegen kommt, hat etwas, was anderen Kindern fehlt.

Es reicht, wenn Sie sehen, mit welchem Feingefühl die Kinder des Lóczy mit Objekten umgehen oder einander berühren. Das Wort "Zivilisation" kommt mir sofort in den Sinn. Übrigens, als ich diese Kinder zusammen mit ihren Pflegerinnen filmte, musste ich unentwegt an Bosnien und den Kosovo denken, die nur wenige hundert Kilometer Luftlinie entfernt sind. Mir schien klar, dass so erzogene Kinder nicht zu Vergewaltigern und Mördern werden können.

Soll das bedeuten, dass Achtung wichtiger ist als Liebe?

Natürlich nicht! Man kann sagen, 95% bis 98% von uns wurden von ihren Eltern geliebt, aber wie viele haben wirklich Achtung erfahren? Wenn wir ehemalige Lóczy-Kinder sehen, spüren wir, dass sie wissen, was Achtung bedeutet. Liebe ist ohne Zweifel instinktiv, aber Achtung muss man lernen. Und wenn wir wollen, dass sich das 21. Jahrhundert auch nur ein wenig vom vorhergehenden unterscheidet, wenn wir unsere Humanität weiterentwickeln wollen, müssen wir uns mit der Frage der Achtung, die dem Kind gebührt, beschäftigen.

Ist dieser Film für Sie ein Versprechen für die Zukunft?

Im Grunde bin ich Optimist. Ich glaube, dass sich die Welt weiter entwickelt, auch dann, wenn sie sich immer wieder zurück zu entwickeln scheint. Es gibt heute eine Erklärung der Rechte des Kindes und wir kämpfen gegen die Misshandlung von Kindern.

Sehen Sie: dieser Film wurde vom Ministerium für Arbeit und Solidarität finanziert. Warum? Weil sie nicht bei dem bloßen Vorwurf der „Kindesmisshandlung“ stehen bleiben, sondern der Frage nach dem richtigen Umgang mit Kindern nachgehen wollen. Unser Film entspricht dieser Intention. Ich sage mir, dass ich dafür vielleicht ein Instrument geschaffen habe.

Sie scheinen mit diesem Film ganz zufrieden zu sein?

Dieser Film erfüllt mich mit großer Zufriedenheit. Anders als alle meine bisherigen Filme war er keine Auftragsarbeit. Er ist ein Kind ohne Eltern, ein wenig wie die Kinder im Lóczy.

Etwas Seltsames geschieht: dieser Film existiert nicht nur, er bahnt sich fast alleine seinen Weg. Arte wird ihn senden und vielleicht kommt er ins Kino. Viele von denen, die ihn schon gesehen haben, waren tief berührt. Dieser Film ohne Eltern hat nun viele Eltern gefunden.



Bernard Martino ist Autor und Regisseur folgender Filme:

Der Säugling ist eine Person
Zusammen mit Tony Lain
Serie: 3 x 60 Minuten
TFI, 1984

Reise zum Ende des Lebens
Serie über den Tod
4 x 60 Minuten
TFI

Der Gesang des Unsichtbaren
Serie über paranormale Erscheinungen
5 x 60 Minuten
Antenne 2, 1993


Der Säugling ist ein Kampf
Fortsetzung von "Der Säugling ist eine Person"
Serie: 3 x 60 Minuten
TFI, 1993

Unsterblichkeitsforschung
Der Traum von der Verlängerung des Lebens und die Wissenschaft

Serie: 3 x 60 Minuten
France 2, 1998

Lóczy, wo kleine Menschen groß werden
Der Traum Emmi Piklers

ca.180 Minuten